© Remi Walle

26. Juni 2019 Entscheidung oder Widerspruch? – Ein Gespräch mit "Junge Helden" über Organspende

Die Rechnung ist eigentlich ganz einfach: Je mehr Menschen der Organspende zustimmen, desto besser für alle. Trotzdem fehlt es an Spendern. Im Bundestag wird deshalb heute über eine Neureglung der Organspende debattiert. Wir haben mit Ina Remmers von Junge Helden über die geplanten Änderungen gesprochen.  

Ina Remmers von "Junge Helden". Der Berliner Verein klärt Jugendliche und junge Erwachsene über das Thema Organspende auf.
© Junge Helden

 

Heute berät sich der Bundestag über eine Neuregelung der Organspende. Was ist das Problem mit der bisherigen Regelung? 

 

Seit Mitte 2012 gilt in Deutschland die sogenannte Entscheidungslösung. Sie wurde mit dem Ziel eingeführt, die Zahl der Organspender zu erhöhen, indem alle Bürgerinnen und Bürger ab 16 Jahren regelmäßig von ihren Krankenkassen per Post angeschrieben und zur Abgabe einer Erklärung aufgefordert werden. Da eine Erklärung aber nicht verpflichtend ist, kann das Schreiben aber auch einfach ignoriert werden, was in der Regel auch der Fall ist. Seit der Gesetzesänderung hat sich an der Situation der Betroffenen also auch nicht viel geändert. Es warten immer noch rund 10.000 Menschen auf ein Spenderorgan. Die Zahl der Organspender ist im Vergleich zum Jahr 2011 sogar noch weiter zurückgegangen, auch wenn sie letztes Jahr endlich wieder leicht gestiegen ist. 

 

Welche Vorschläge werden bei der Sitzung heute debattiert? 

 

Der erste Entwurf, der von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Professor Dr. Karl Lauterbach vorlegt wurde, sieht zukünftig eine Widerspruchsregelung vor. Das heißt jeder wird automatisch zum Organspender, kann dem aber jederzeit auch widersprechen. 

Der zweite Gesetzentwurf setzt auf eine freiwillige Entscheidung und die ausdrückliche Zustimmung zur Organspende. Die Bürgerinnen und Bürger sollen beim Abholen von Ausweispapieren bei den zuständigen Ämtern regelmäßig befragt und auf die noch neu zu schaffende Registriermöglichkeiten hingewiesen werden. Denn bisher wird nirgendwo offiziell hinterlegt, ob man zur Organspende bereit wäre oder nicht. 

 

Mit dem zweiten Gesetzesentwurf würde sich also nicht viel ändern? 

 

Ja, abgesehen davon, dass der bürokratische Aufwand weiter erhöht wird, erwarten wir mit dem zweiten Vorschlag keinen großen Impact. Kritiker der Widerspruchsregelung sehen das individuelle Selbstbestimmungsrecht in Gefahr. Ein Argument, das für uns nur schwer nachzuvollziehen ist, weil ja auch hier jederzeit noch eine Entscheidung getroffen werden kann. Bei der Debatte sollten wir unseren Blick doch viel lieber auf die moralische Komponente richten: Wenn ich in Deutschland das Recht habe, ein Organ zu empfangen, wieso werde ich dann nicht auch in die Pflicht genommen einmal darüber nachzudenken, ob ich selbst auch ein Organ geben würde. Viele europäische Länder sind da schon viel weiter. Frankreich, Italien, Österreich, Polen, Portugal, Spanien, die Niederlande und die Türkei haben sich schon für die Widerspruchsregelung entschieden. In Spanien kommen auf eine Millionen Einwohner 43 Organspender. In Deutschland sind es nur knapp 10 Spender.

 

Was würde sich durch die Einführung der Widerspruchsregelung verändern? 

 

84% der Deutschen stehen dem Thema Organ- und Gewebespende grundsätzlich positiv gegenüber, aber nur 30% haben ihre Entscheidung auch schriftlich dokumentiert. Eine Widerspruchsregelung trägt dazu bei, diese Lücke zu schließen. 

Durch die Widerspruchsregelung ändert sich aber generell auch die Denkweise von einem grundsätzlichen „Nein“ in ein grundsätzliches „Ja“. Allein das schafft ja schon ein ganz anderes, viel positiveres Vorzeichen dafür, wie wir das Thema Organspende in der Gesellschaft betrachten und diskutieren. 

 

 

DU KANNST JUNGE HELDEN DABEI UNTERSTÜTZEN, MEHR MENSCHEN ÜBER DAS THEMA ORGANSPENDE AUFZUKLÄREN. MEHR INFORMATIONEN FINDEST DU HIER




Dein Browser ist möglicherweise zu alt. Einige wichtige Inhalte kannst Du deswegen nicht sehen.
Bitte versuch es stattdessen mit Google Chrome oder Firefox.