© Rottkay

23. Juli 2017 Gemeinsam mit Grönemeyer tragen junge Flüchtlinge ihre Erfahrungen als Gedichte vor

Dass männliche Jugendliche von 14-18 Jahren sich vor ein Publikum stellen und selbstgeschriebene Gedichte vortragen – gefühlvolle, ernste und nachdenkliche Gedichte – das ist eher ungewöhnlich. 



Aber genau das war das Schöne am letzten Dienstag, den 18. Juli 2017, als sechs Jugendliche gemeinsam mit Herbert Grönemeyer in Clärchens Ballhaus in Berlin bei der Veranstaltungsreihe "Der SPIEGEL live im Spiegelsaal" auftraten und ihre Gedichte vortrugen. 

Was sie vortrugen, war nicht orientalisch-blumig, aber auch nicht westlich-cool. Es sind erschütternde, erstaunlich "reife" und zutiefst bewegende lyrische Schicksalsbeschreibungen, die zutiefst berührt haben.

Susanne Koelbl ist Auslandsreporterin beim SPIEGEL und Initiatorin von dem sogenannten Poetry Project, bei dem sie gemeinsam mit jungen Flüchtlingen aus Afghanistan und Iran, Gedichte erarbeitet hat, in denen die Jugendlichen Flucht, Angst, Fremdsein, Heimweh beschreiben und auch ihre erste Liebe. 

Bei der Veranstaltung am Dienstag, gingen die jungen Männer nacheinander ans Mikrofon und trugen in ihrer Sprache ihre Gedichte vor und Herbert Grönemeyer las die Gedichte auf Deutsch vor.

Was ist das Ziel des Poetry Projects und wie geht es weiter?

Ziel des Poetry Projects ist es, die Sprachlosigkeit zwischen Deutschen und hierher Geflüchteten zu überwinden. 

Das Modell soll künftig ein Integrations-Instrument sein für Schulen und Nachbarschaftsinitiativen, die mit Neuankömmlingen arbeiten und vor der Aufgabe stehen, die Fremdheit auf beiden Seiten zu überwinden. Die Poesie hat sich dabei bereits als tragfähige Brücke erwiesen.

Wenn Du mehr über das Projekt erfahren und vielleicht auch unterstützen möchtest, dann kannst Du das hier tun: 

http://bit.ly/2u16KUD

Denn: Gemeinsam sind wir lauter! 

 

Hier noch ein ausgewähltes Gedicht von Mohamad Mashghdost, 18 Jahre alt:

Existenz

Der Beginn des Lebens war,

dass ich nicht existierte.

Es gab eine Mutter.

Sie war mein Gott.

Es war eine einseitige Liebe.

Es gab einen Vater.

Er war nie da.

Der Körper kam zur Ruhe,

nicht der Geist.

Ich blieb ohne Trost.

Die Schwester wollte mir die Mutter sein.

Aber sie war müde.

Ich liebte die Mutter.

Sie starb.

Ich wollte gehen

und ich blieb.

Ich wollte bleiben

und ich ging.

Nicht das Gehen war wichtig

und nicht das Bleiben.

Ich war wichtig,

der nicht existierte.

 


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