4. April 2019 Musik Bewegt Förderpreisträger: Mit Musethica zu Besuch in der Jugendstrafanstalt Berlin

Beim Projekt Musethica des israelischen Bratschisten Avri Levitan spielen Musikstudierende kostenlose Konzerte in Sozialeinrichtungen. Wir haben das Projekt mit dem Musik Bewegt Förderpreis 2018 ausgezeichnet und bei einem Konzert in der Jugendstrafanstalt begleitet. 

Die Bühne in der Aula der Jugendstrafanstalt in Berlin-Wedding ist schnell aufgebaut: Ein halber Stuhlkreis für die Zuhörer, in der Mitte vier weitere Stühle für die Musiker. Draußen scheint die Sonne, vom Licht kommt in der Aula aber nicht viel an. Die Fenster sind klein, weit oben und vergittert. Die Bratschisten Ori Wissner-Levy, David Strongin, Katrin Spiegel und Cellistin Lia Chen spielen sich warm. Dann kommt auch schon das Publikum: Ein Dutzend junge Männer zwischen 14 und 24 Jahren in beige-roten Uniformen schlurfen gemächlich die Treppe zur Aula hinunter, teils interessiert, teils gelangweilt. Es gibt skeptische Blicke auf die Szenerie. „Wer will die sehen?“, fragt einer der Jungs. Die anderen lachen.

 

„Was wir heute mit Euch vorhaben, klingt vielleicht für einige von Euch erst einmal ein bisschen witzig“, begrüßt Avri Leviatan das Publikum.

 

„Was wir heute mit Euch vorhaben, klingt vielleicht für einige von Euch erst einmal ein bisschen witzig“, begrüßt Avri Leviatan das Publikum. „Wir wollen von Euch lernen. Deshalb ist es wichtig, dass ihr gut zuhört. Alles klar?“

Das, was auf den ersten Blick wirkt wie ein deplatziertes Charity-Konzert, ist ein ebenso simples wie geniales Ausbildungskonzept: Junge Musiker spielen kostenlos Konzerte für Menschen, die sonst kaum Zugang zu klassischer Musik haben und bekommen im Gegenzug wertvolle Bühnenerfahrung.

 

„Wie wir Musik empfinden ist viel objektiver als man denkt. Auch ein ungeübtes Ohr erkennt, ob eine Melodie harmonisch oder eine Intonation stimmig ist“

 

Die Idee, Musikstudierende in sozialen Einrichtungen spielen zu lassen, entwickelte Levitan auf der Suche nach Auftrittsmöglichkeiten für seine Studierenden im spanischen Zaragoza. „Bühnenerfahrungen zu sammeln ist für junge Musiker extrem wichtig. Wenn sie noch unbekannt sind, ist es aber gleichzeitig auch eine sehr komplizierte Angelegenheit, ihnen regelmäßige Konzerte zu ermöglichen“, erklärt Levitan. Mit Musethica gelingt es ihm Konzerte zu einem festen Bestandteil der Musikerausbildung zu machen. Mit Erfolg: Die Nachfrage der Musikstudierenden ist groß. An anerkannten Musikhochschulen in Israel, Polen, Frankreich, Schweden, Österreich, Spanien und China findet das Konzept mittlerweile engagierte Nachahmer. Sie arrangieren für ihre Studierenden Konzerte in Einrichtungen für Kinder und Erwachsene mit Behinderungen, in psychiatrischen Kliniken, Kitas, Schulen, Obdachlosenheimen und Gefängnissen. Dass es sich bei dem Publikum oft auch um Menschen handelt, die mit klassischer Musik ansonsten nicht sehr viel am Hut haben, empfindet Levitan nicht als Nachteil. Im Gegenteil. „Wie wir Musik empfinden ist viel objektiver als man denkt. Auch ein ungeübtes Ohr erkennt, ob eine Melodie harmonisch oder eine Intonation stimmig ist“, sagt Levitan. „Im Gegensatz zum Publikum in großen Konzertsälen haben wir bei Musethica sehr ehrliche Zuhörer. Wenn ein Stück nicht gut gespielt ist, verlieren sie unmittelbar das Interesse. Die Studierenden sind also herausgefordert, sich besonders viel Mühe zu geben.“ 

In der Jugendstrafanstalt beginnen die vier jungen Streicher mit dem ersten Stück. Sie spielen Haydns Lerchenquartett, Opus 64 Nr. 5. Nicht nur für das Publikum, sondern auch für die Musiker ein anspruchsvolles Stück. Kaum sind die ersten Takte gespielt, wird es plötzlich ruhig im Saal. Knapp 15 Minuten sitzt das Publikum still, nur ab und zu leises Geflüster. Danach Applaus. Avri Levitan ermutigt das Publikum Fragen zu stellen und schon schießen sie in den Raum: Wie könnt ihr so schnell die Finger bewegen? Wann habt ihr angefangen, Geige zu spielen? Ist es sehr schwierig Noten zu lesen? Eine kleine Diskussion entwickelt sich. Die Instrumente werden inspiziert und vorsichtig ausprobiert. Bratschist Ori Wissner-Levy spielt auf Nachfrage noch eine Zugabe. Die Zuhörer sind beeindruckt. „Ich fand das richtig gut. Ich habe so etwas noch nie erlebt“, bedankt sich einer der Insassen, bevor er sich gut gelaunt von den Musikern verabschiedet.

Musethica wird im nächsten halben Jahr regelmäßig in die JSA kommen. Die Insassen können auch eigene Texte schreiben, die musikalisch interpretiert werden. Am Ende gibt es eine gemeinsame Aufführung. JSA-Schulleiterin Birgit Lang ist auch begeistert vom Projekt. „Avri Levitan hat heute durch seine musikalischen Fertigkeiten sofort einen Zugang zu den Jungs aufgebaut und eröffnet ihnen ganz neue Welten. Wenn sie dann auch noch ihre eigene Kultur miteinbringen können, ergibt das bestimmt eine sehr schöne Fusion“, so Lang. 


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