15. September 2017 Wie lebt man Demokratie?

Silke Baer, Mitgründerin von cultures interactive findet: „Um Menschenrechte und Demokratie zu vertreten braucht es keine Theorie und kein Politikstudium, sondern vor allem eine klare eigene Haltung.“



Musik Bewegt: Was ist die Kernaufgabe von cultures interactive?

Silke Baer: 

Ich könnte sagen: die Prävention gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (ein unhandlicher Begriff aus der Wissenschaft, der die Abwertung von vermeintlich anderen Gruppen wie „Behinderten“, „sozial Schwachen“, „Muslim*innen“, „den Ausländern“ usw. beschreibt) und Rechtsextremismus. Wenn ich aber an unsere konkrete Arbeit mit Jugendlichen denke, trifft eher folgende Beschreibung unsere Kernaufgabe: wir stärken Haltungen der Toleranz, das Einstehen für Menschenrechte und Demokratie, den souveränen Umgang mit Vielfalt. Dazu bieten wir Deutschlandweit Workshops zum Beispiel an Schulen und in Jugendklubs an. In diesen Workshops werden immer verschiedenste Jugendkulturen mit politischer Bildung  - also Diskussionen über aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen und Möglichkeiten der demokratischen und sozialen Teilhabe von Jugendlichen - verbunden. Dabei hinterfragen wir verbreitete Vorurteile und Hassäußerungen gegenüber verschiedenen Gruppen. Teil unserer Arbeit sind auch Fortbildungen und Beratungen für Lehrer*innen oder Jugendarbeiter*innen, denn diese Art von Demokratie-Arbeit muss von vielen getragen werden. Das wurde mit dem Aufkommen von PEGIDA und Co. einmal mehr deutlich.

Musik Bewegt: Wie bist Du zu cultures interactive gekommen und welchen Aufgabenbereich übernimmst Du hier?

Silke Baer:  

Ich habe den Verein mit Kollegen und Kolleginnen wie Peer Wiechmann, Anna Groß oder Harald Weilnböck 2005 gegründet und bin dort pädagogische Leiterin. Meine Aufgabe ist es vor allem Anträge auf Förderung zu schreiben, um unsere Arbeit abzusichern. Inzwischen sind bei uns 13 Leute in Voll- und Teilzeit tätig. Wir organisieren und begleiten zusammen mit unserem freien Team große Schulprojekttage, mehrtägige Feriencamps, Workshops in Jugendwohnheimen, Jugendklubs oder auf öffentlichen Plätzen.

Ansonsten halte ich inzwischen ziemlich viele Fachvorträge von Wien, Berlin, Bangkok, Manchester bis Mannheim und finde es total spannend Fortbildungen – auch Europaweit zu geben.

Musik Bewegt: Was bewegt Dich besonders bei Deiner Arbeit? Gibt es ein besonderes Erlebnis oder einen Schlüsselmoment, der Dich besonders motiviert hat und immer noch motiviert?

Silke Baer:  

Mich bewegt besonders zu sehen, wie unterschiedlich Jugendliche leben. Inzwischen ist es etwas besser geworden, aber anfangs sind wir als Team in 9-Sitzer-Bussen und PKWs in Orten gelandet, von denen wir dachten, die haben nichts zu tun mit dem Wohlstandsland Deutschland. Orte, mit massig leerstehenden Häusern, heruntergekommenen Schulgebäuden, frustrierten Schüler*-, Lehrer*innen und Eltern, die sich abgehängt fühlen und mit keinerlei Angeboten für Jugendliche. Die Kids waren meistens total happy, wenn wir kamen. Selbst die strammen Neonazis sind mit sehnsüchtigen Augen um die Turntables im Techno-Workshop herumgeschlichen. Und alle hat völlig verwundert, dass Punks neben HipHoppern und Skater neben Gothics stehen können ohne sich auf die Mütze zu geben. So ein jugendkulturelles Zusammenarbeiten kannten die nicht, gab’s vielleicht vorher auch nicht. Oder, dass auch Mädchen/Frauen skaten oder rappen können und zwar so gut, dass sie den Workshop leiten.

Wenn wir nach ein oder zwei Projekttagen wieder abgefahren sind, waren alle ganz schön traurig. Und oft haben wir ein bisschen geweint bei der Rückfahrt, weil wir es so hart fanden wie die Jugendlichen lebten. Sie schienen häufig so ungeschützt und kaum Unterstützung von Erwachsenen zu haben, vor allem auch wenn es um den Umgang mit örtlichen rechtsextremen Kameradschaften und deren Attacken etwa auf dem Skateplatz ging. Der Punkt des Alleingelassenseins ist leider oft immer noch so, wenn auch die Lebensbedingungen vor Ort verbessert haben.

Mein persönlicher Schlüsselmoment war, als mehrere Mädchen, die zunächst krass rassistische Sprüche losließen, nach einer politischen Diskussionsrunde zu mir sagten: „Das war ja spannend, eine Meinung wie eure haben wir noch nie gehört.“ Dabei ging es um ein paar simple Nachfragen von mir und meiner Kollegin und ein klares Statement gegen Ausländerfeindlichkeit, auf das die Mädchen sich bezogen. Das bestätigte mich darin, möglichst viele Diskussionen und Begegnungen durch Projekte anzuzetteln, in denen gängige Vorurteile aus dem Umfeld hinterfragt und offene Haltungen vorgelebt werden.

Und es gäbe noch viele andere Beispiele etwa aus dem Jugendstrafvollzug oder aus Flüchtlingseinrichtungen.

Musik Bewegt: Worin liegen die größten Herausforderungen bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und der Heranführung an das Thema Menschenrechte und Demokratie? Was ist den Workshopteilnehmer*innen besonders wichtig?

Silke Baer:  

Gerade in den letzten Jahren ist der Hass gegenüber sogenannten Minderheiten nochmal richtig aufgeploppt. Da muss man erst mal ganz schön ackern, um vor Ort die richtigen Verbündeten zusammen zu bringen, die sich auch trauen aktiv zu werden gegenüber extrem rechten Haltungen. Wenn man Zeit hat und offen ist, kann man mit Jugendlichen selber eigentlich sehr gut zu Menschenrechten  und Demokratie arbeiten. Man muss die Ideen, die hinter diesen großen Worten stehen nur auch vom ersten Moment an selbst leben. Der Schlüssel sind Respekt und Teilhabe. Bei uns wählen die Teilnehmer*innen ihren Workshop selber, sie sind einbezogen in die Gestaltung und Verabredungen zu den wichtigsten Regeln gerade auch für mehrtägige Angebote. Wir halten keine Vorträge oder richten moralischen Appelle an die Teilnehmer*innen, sondern lassen sie erzählen. Den Workshopteilnehmer*innen ist wichtig, dass sie ein Gegenüber haben, das sie ernst nimmt und das ihnen zuhört. Nur dann können sich wiederum die Jugendlichen (bei Erwachsenen ist es nicht anders) auch Ansichten anhören, die vielleicht völlig konträr zu ihren eigenen sind. Dann kommt man dazu in Austausch. Um Menschenrechte und Demokratie zu vertreten braucht es keine Theorie und kein Politikstudium, sondern vor allem eine klare eigene Haltung.

Musik Bewegt: Was kann ich konkret im Alltag tun, um mich für Menschenrechte und Demokratie einzusetzen?

Silke Baer: 

Auf all deinen Wegen einen Blick für jene entwickeln, die vielleicht betroffen sind von Diskriminierung, alltäglichen Beleidigungen und Ausgrenzung. Ihnen mit kleinen Gesten („Ich habe das beobachtet und will nur kurz sagen, ich bin auf deiner Seite“ oder auch einfach: „Hier - willst du einen Kaugummi?“) beispringen. Im Freundes- und Bekanntenkreis Haltung zeigen. Auf dort geäußerte Vorurteile reagieren, indem du klar sagst: „Nee, ich habe da eine andere Meinung.“ Das muss man gar nicht ausdiskutieren. Aber es ist wichtig deutlich zu machen, dass Menschen anwesend sind, die für Menschenrechte und Demokratie einstehen. Das gilt natürlich auch für Hasskommentare in sozialen Medien.

Musik Bewegt: Musik bewegt – was bedeutet das für Dich persönlich?

Silke Baer:  

Musik bewegt das Leben von Jugendlichen. „Not the DJ but music saved my life!“ Dieses Gefühl haben doch viele Jugendliche. Musik ist bei unserer Arbeit der Türöffner, um mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Und auch wir von cultures interactive haben einen starken persönlichen Bezug zu Musik und Musikstilen. Peer war z.B. von Anfang an in der Berliner Techno-Szene aktiv, Anna hat das HipHop-Label Springstoff mitgegründet und viele der freien Teamer*innen sind als DJs, Rapper*innen oder in Bands aktiv.  

Ein Highlight war, als unsere Botschafter Silbermond – die gesamte Band und das Management – mit in das YOUnited-Schulprojekttag in Bautzen gekommen sind. Sie waren von früh morgens bis zum Ende des langen Projekttages in verschiedenen Workshop-Gruppen  dabei und arbeiteten einfach mit. Steffi schnappte sich im Bandworkshop ein paar Kids und bot spontan noch eine extra Gruppe zu Gesang an, Andreas und Johannes halfen bei den Instrumenten und Thomas unterstützte unseren Electro DJ-Workshop. Das war total schön und erhebend für die Jugendlichen, aber auch für unseren Verein. Wir haben uns sehr über das Interesse von Silbermond an unserer Arbeit gefreut. Das brauchen so NGOs wie wir, die sich oft gefühlt oder real im Kampf allein gegen Windmühlen befinden. Eine Initiative wie Musik Bewegt bringt daher auch mehr als finanzielle Unterstützung über Spenden – was sicher auch sehr wichtig ist. Aber noch wichtiger ist die Aufmerksamkeit und Unterstützung für unsere Ziele: das Einstehen für Menschenrechte und Demokratie. 

Silbermond bedankt sich bei allen Spendern, die das Projekt YOUnited bereits über Musik Bewegt unterstützt haben:


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